Freitag, 2. Januar 2009

11 Glockenspiel


Es wird offenbar, wie sehr es sich gelohnt hat, diese Reise anzutreten. Und damit meine ich nicht das Materielle. Ich meine das Vertrauen in das Eigene.
Und in das, was kommt, wenn frau sich auf den Weg macht!
Ich liege seit etwa 1 ½ Stunden auf einem Felsen an der Fjordausfahrt. Er liegt vor der Stadt im Meer, ist wie mit einer Nabelschnur über die lange Mole mit der Stadt, dem Festland verbunden. Die Mole ist mit Steinskulpturen verziert und an ihrem Ende, wie sollte es anders sein in Norge, lädt ein Kiosk med Kaffe og vafler (ein Kiosk mit Kaffee und Waffeln) die Molenbummler zum Verweilen ein. Im Schutz der Mauer liegt die Marina von Bodø, ziemlich voll belegt. Mit Booten in allen Größen und Preisklassen. Mein Herz gehört einem „Holzbootpaar der alten Schiffs-Schule“. Manchmal liegen das große und das kleine Schiff still nebeneinander am Kai. Erinnern mich an ein altes Ehepaar, das sich immer noch hat, noch braucht und noch mag. Bei dem der Eine nicht ohne den anderen überlebt, aber doch jeder für sich sein kann.

Wäre nicht der Wind gewesen, der mich doch ab und zu zum Pullover greifen lässt – ich hätte mir einen heftigen Sonnenbrand eingefangen.
Der Felsen ist meine Oase zum „Trubel“ des Festivals.
Das Wetter ist gigantisch. Sonne, Sonne, Sonne. Fast jeden Morgen, wenn ich die Augen aufmache und aus meinem kleinen „Kellerfenster“ direkt in den Himmel sehe, begegnet mir ein strahlendes Blau. Fantastisch. Das Licht , der blaue Himmel, die Boote geben der Stadt ein sommerlich mediterranes, touristisches Flair. Alles wirkt offen.
Als erstes Konzerterlebnis an diesem Tag erklingt ein „Glockenspiel“.
Ein transportables, riesiges Glockenspiel. Es hat sich auf dem Vorplatz der Domkirche zu Bodø platziert. Auf einem aufgeklappten Transporter steht ein riesiger Glaskasten mit vielen vielen kleinen und großen Glocken. Der Glockenspieler „zaubert“ auf ihnen Melodien von Bach, Mozart, Händel....! Die Menschen stehen um den Wagen, an die Kirchenmauer gelehnt oder sitzen auf der angrenzenden Wiese und lauschen.


Von Zeit u Zeit gehen einige Menschen in das Innere der Kirche. Ich tue es ihnen gleich
und betrete ein helles, lichtes, harmonisches Kircheninnere. Sehr einladend, großzügig aber nicht überdimensional und erdrückend. Skandinavisch eben.
Die farbigen Fenster leuchten im Licht der einfallenden Sonne. Sind der stille Rahmen dieses Augenblicks. Es ist Zeit und Raum für ein Kerzenlicht.
Ich gehe zurück ins Büro, treffe dort Sophie und Priska. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg ins ‚Kulturhus’. Die Lage des OrgBüros im Skagenhotel ist phantastisch gewählt, die meisten Veranstaltungsorte des Festivals sind gut und kurz erlaufbar und in unmittelbarer Nähe. Ein weiterer Beweis für die schlaue Organisation des Festivals.
Ein klassischer Konzerthöhepunkt steht auf dem Festivalprogramm:
„Trio con Brio Copenhagen“.
„The Gramophone“, das internationale klassische Musikjournal, schreibt zu den zwei koreanischen Schwestern (Violine und Chello) und ihrem männlichen dänischen Pianisten sinngemäß:
„ ...die Ravel und Bloch-Darbietungen können mit den Besten ihrer Art mithalten. Das Trio con Brio Copenhagen ist eindeutig eine großartige Gruppe und ... I looked forward to future encounters.“
Dem bleibt mir nach dem Konzert nichts mehr hinzuzufügen. Ich habe lange nicht mehr so exzellente Instrumentalisten gehört. Da ist es fast eher eine Auszeichnung für das Publikum, das Trio auf dem Festival in Bodø erleben zu dürfen, während sie sonst schon mal so heilige Musikhallen wie die Carnegie Hall bespielen.
Ja, sie zelebrierten die Musik. Fühlten sich so ganz und spürbar in die Stücke ein, konzentrierten sich und ließen sich los. Und mit sich selbst auch den Klang ihrer Instrumente. Alles in einer Harmonie, die atemlos machte.
Stehende Ovationen. Dazu die (typisch norwegische??) Applaustradition:
gemeinsam auf eine Zählzeit und immer schneller werdend. So bei uns in Deutschland inzwischen etwas aus der Mode gekommen. Sich hier als einzige Querklatscherin zu outen, lag mir dann aber doch fern. Also applaudierte ich heftig mit!
Werke von Ravel und Dvorák erklangen...wunderbar!
Ich plündere meine Urlaubskasse und erweitere meinen ohnehin defizitären Klassik-CD-Fundus. Die Erinnerung an diesen Kunstgenuss ist es allemal wert.
Am nächsten Morgen begegne ich den drei Musikern am Frühstücksbuffet. Ruhig und unscheinbar tragen sie nicht vor sich her, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Schön.

10 Festivalalltag


Rolf-Cato Raade, Direktor des Festivals (li) und
einige der "Stamm-Organisatoren" des Festivals :






Und so sieht er aus, der harte Job der "Änfänger-Freiwilligen":

9 – 10 Uhr Frühstück im Skagen Hotel ...

dann im OrgBüro allen Anwesenden ein veldi god morgon oder einfach hei wünschen ...
fragen, was es zu tun gibt...

ein nachdenkliches hmmmm...? abwarten und Aufträge entgegen nehmen,
sofern es welche gibt...

wie zum Beispiel Programmhefte in der Innenstadt verteilen,
Programmflyer falten, sauber machen, Autos ausladen, ...

dann meisst erst mal „ausruhen“ bis ca. 17 Uhr...

um am Einlass der abendlichen Konzerte lächelnd die Programme zu verteilen und freundlich in perfektem Norwegisch zu fragen
„Vil du ha en program?“ und die daraufhin einsetzende Konversation nicht mehr zu verstehen ...

dann die Konzerte erleben...

und nach deren Ende Müll einsammeln, aufräumen oder einmal auch ein
MiniKünstlercatering backstage betreuen.

Ja, so ist er, unser ”harter Alltag” als Freiwillige.

9 Nordische Wahrnehmungen

Mandag, 04. August 2008

Die Schweizer Fraktion hat verpennt. Wir fangen alle drei an zu schwächeln. Denn auch mir fällt das Aufstehen schwer. Dabei schlafen wir ca. sechs bis sieben Stunden, nur eben etwas Zeitversetzt von zwei bis acht Uhr. Denn das letzte Konzert des Festivaltages beginnt 22.30 Uhr im SAS Hotel. Da es meist gute Konzerte sind, versuche ich fast alle zu besuchen. An dieser Stelle mal ein Schwenk in die Dimension dessen, was mir hier geschenkt wird: Die Eintrittspreise für die Konzerte des Festivals bewegen sich zwischen 100 und 250 Kronen, das sind etwa 13 bis 40 Euro. Ich bin nach 3 Tagen bei 12 Konzerten angekommen. Kostenlosen Konzerten! Von einer Qualität und Vielfalt, die nichts vermissen lässt. Somit ”arbeite” ich hier zwar freiwillig, werde aber schon nach einer halben Woche mit freiem Eintritt im Wert von etwa 400 Euro bezahlt. Wunderbar!

Das späte zu Bett gehen wird mir nicht wirklich bewusst, da es hell ist. Das irritiert die Sinne enorm über das gewohnte Tag-Nacht-Empfinden. Das dunkelste Licht der Nacht jetzt im August entspricht in etwa einem trüben mitteleuropäischen Novembertag. Im Juli bleibt die Sonne hier gänzlich über dem Horizont, da kann es in der Nacht schon mal einen blauen Himmel geben. So geschehen ja auch in meiner ersten Nacht hier.
3.30 Uhr, Sonnenlicht … das hat eine Faszination - immer noch, nach 4 Tagen in Bodø. Wenn die Sonne sich gegen 21 Uhr doch dem Horizont zuneigt, wirft der menschliche Körper unglaublich lange Schatten (alles andere natürlich auch).
Die Luft hier oben ist klar, sauber. Der Wind in diesen Tagen mal kühl, mal warm. Das anhaltend gute Wetter begeistert auch die einheimischen Nordnorweger, es ist nicht so selbstverständlich. Die Internet-Prognose hatte mich ja an meinem sonnenlicht liebenden Verstand zweifeln lassen, da ich vorhatte, bei heimatlicher Hitzewelle mit etwa 30 Grad Celsius in vorhergesagte 10 bis 15 Grad, Regen und Wolken aufzubrechen.
Ich bin schon dankbar, dass es anders kam.
Gestern Nacht fuhr Ann Karin Hannsen nach dem letzten Konzert im SAS Hotel noch spontan mit uns raus aus der Stadt. An einem ”Viewpoint” – eigentlich ist fast jeder Parkplatz hier ein Viewpoint, wenn er am Meer liegt – halten wir an. Vor uns liegt die See im Licht der ”untergehenden” Sonne, es ist etwa 1 Uhr 30 … Am Horizont und kurz davor rekeln sich Inseln und Felsen in dem Licht, das rotgolden mit Meer, Land und dem Himmel darüber spielt. Es gibt hier und jetzt keinen besseren Augenblick, diesen vollen Tag zu beenden.

Ann Karin ist eine starke Frau. Sie hat Schlimmes erlebt und hat sich trotzdem eine offene Art und hohe Aufmerksamkeit bewahrt. Sie hätte nicht mit uns zu dieser Night –Light –Sightseeingtour aufbrechen müssen mit den wenigen Stunden Schlaf, die ihr der Job in dieser Woche erlaubt. Tut es aber um 1 Uhr nachts doch noch spontan. Sie machte nicht nur das Ankommen hier in Bodø leicht, sondern auch das Bleiben. Im Auto erzählt sie vom Leben hier oben. Ich frage, wann die dunklen Tage hier beginnen. Im September wird es zum ersten mal für einige Stunden dunkel. Im Winter steigert sich diese Dunkelheit auf bis zu 20 Stunden. 4 Stunden Licht am Tag! Ich frage sie, ob und wie sich der Lebensrhythmus der Menschen hier dann verändert. ”Wir schlafen länger, fahren Ski, besuchen oft Freunde und Familie.” So wenig ich mir die hellen Nächte vorstellen konnte, so wenig kann ich mir die dunklen Tage ausmalen. Mit ersterem Phänomen von Mutter Natur klar zu kommen, ist gedacht und gelebt für mich einfacher. Das Extrem der Dunkelheit würde ich gern einmal ausprobieren, sehen, was es mit mir macht.
Die Menschen hier sind offen, hilfsbereit, bewahren sich ein gesundes Selbstbewusstsein und persönliche Distanz. Freundlichkeit, die von einem selbst ausgeht, kommt meist schnell zurück. Leistungsbereitschaft wird anerkannt. Dies alles spüre ich in meiner Arbeit als Freiwillige, nehme ich im Umgang der Mitarbeiter und Helfer im OrgBüro wahr, erfahren wir als Fremde.
”Ach ja, das ist der härteste Freiwilligeneinsatz, den ich je erlebt hab.”
meint Sophie, die junge und symphatische Schweizerin. Mit ihr teile ich Schokolade, Bananen und Eis. Mit ihr und Priska teile ich ”diese Arbeit”.

8 Der Nahost-Konflikt in Bodø

Sondag, 3.August 2008

Nahost-Konflikt in Bodø

7 Das Eröffnungskonzert

Mit der zurückhaltenden Unruhe einer Organisatorin bricht Ann Karin schon wenige Minuten nach der Eröffnung wieder mit mir auf, zurück ins Büro. Um von da aus gleich wieder zum Bodø Kulturhus zu fahren. Dort findet das offiziell-feierliche Eröffnungskonzert der Musikfestwoche statt. Im Saal des Kulturhauses in Bodø geht es hoch hinaus, so steil sind die Reihen angeordnet. Wir gehen als letzte in den Saal, suchen uns einen Platz in der dritten Reihe – von vorn! Die oberen Reihen sind dicht besetzt, im Gegensatz zur deutschen Theatertradition, möglichst einen Platz in den ersten Reihen zu ergattern. Als ich mich setze, weiss ich auch, warum die vorderen Reihen noch frei sind: Ich kann nicht weiter als bis zum ersten Notenständer schauen. Die ersten Reihen liegen unter dem Bühnenniveau. Macht aber nix, der Klang ist wichtig, der Blick in die Gesichter der Künstler ist noch möglich. Die Bühne ist vorbereitet für ein kleines Orchester, inklusive Harfe und Flügel, Schreibmaschine (!) und Sägebock (!). Etwa in dieser Spannbreite bewegt sich die Musikalität des Eröffnungskonzertes. Ja, in dieser Spannbreite bewegt sich das gesamte Programm der Musikkfestuke. Es ist das Anliegen der Organisatoren, neben dem eigentlichen klassischen Ansatz des Festivals auch die Wahrnehmung anderer Musikstile zu schärfen. So bietet diese Woche eine beeindruckende Zahl professioneller Konzerte von Klassik über Jazz über Chanson über Folk bis Moderne. Sehr viel Moderne sogar, wie schon das Eröffnungskonzert zeigen sollte.
Die Lichter verdunkeln sich, die Türen werden geschlossen. Das Konzert beginnt klassisch. Den Ruck hin zu ungewohnten Klängen gibt aber schon der zweite Programmpunkt.
Sänger Ketil Huugas präsentiert im Zusammenspiel mit Solisten des Bodø Sinfonieorchesters an Cello und Piano eine Komposition des Norwegers Henrik Strindberg. Der im Saal in der zweiten Reihe links Außen sitzt und einen PC bedient, um den gesungenen Text via Leinwand auf Englisch in den Saal zu projezieren. Mann und Frau sollten moderne Musik lieben, am Besten mit ihr groß geworden sein, um sie ohne Vorurteil länger als zwei Uraufführungen lang genießen zu können.
Die zweite Uraufführung des Abends singt deren Komponistin selbst.
Maja Solveig Kjestrup Ratkje gibt zusammen mit dem Bodø Sinfonieorchester, dem Dirigenten der Frankfurter Oper, Roland Böer, mit ihrem Werk und ihren Stimmlippen ein beeindruckendes Zeugnis davon, was der menschliche Kehlkopf zu Leisten in der Lage ist. Ein älteres Ehepaar in der Reihe vor mir scheint sich von dieser Moderne nicht so sehr begeistern lassen zu wollen. Erfolglos versucht die Dame mit den weissen Handschuhen ihren Mann zu überreden, spontan den Konzertbesuch zu beenden. Dieser bewegt nicht einmal den Kopf, bleibt eisern sitzen. Eine köstliche Beobachtung (erfolg- und sprachloser) zwischenmenschlicher Manipulation des Anderen. Der Rest des Publikums scheint dagegen moderne Musik zu lieben, applaudiert begeistert, feiert die Musiker und Komponisten.
Wieder fahren wir nach Konzertende ins Orgbüro im Skagen Hotel zurück. Um zu Fuss – sozusagen über die Strasse – ins Radisson SAS Hotel zum letzten Konzert dieses offiziellen ersten Festivaltages aufzubrechen. Es ist inzwischen etwa 22.30 Uhr.
Dieses Mal im Einsatz als Vakter, als Ordner. Mit der verantwortungsvollen Aufgabe, anwesend zu sein, im Ernstfall die Notausgangstüren aufzureißen und: zu lächeln!
Lächeln, immer Lächeln – es sollte die wichtigste …und liebste…und leichteste Beschäftigung als Frivilligarbeidere für die kommende Woche werden.
Die Komponistin des Festivals, Maja Solveig Kjelstrup Ratkje betritt die Hotellobby des SAS Hotels. In wenigen Minuten beginnt das Konzert der Gruppe ”Poing” mit ihr als Sängerin. Das Konzert ist eine unerwartete Begegnung mit heimatlicher Muttersprache: Lieder von Kurt Weil und Texte von Bertolt Brecht werden interpretiert. Inklusive der DDR Nationalhymne. Ich weiss zu wenig über das Lied, um sagen zu können, ob die Melodie von Weil bewusst eingearbeitet ist oder ob es eine freie Interpretation der Musiker ist. (später erfuhr ich, das es Kurt Weil war, der die Hymne mit hineinkomponierte). Wie auch immer, die plötzliche Begegnung mit eigener Geschichte hier in einem Nachtclub in NordNorwegen verwirrt mich doch etwas. Alles noch getopt von Auszügen aus Beethovens 5.Sinfonie – für Bass, Akkordeon und Saxophon mit und ohne Mundstück. In allem liegt Spielfreude, mit der sich die Musiker durch den Abend sägen. Mit beeindruckendem Sound! Entweder haben die Norweger die besseren Musikanlagen, die besseren Techniker, andere Musiker oder ...
von jedem etwas.
Gegen 2 Uhr geht mein zweiter Tag als Frivilligarbeidere für die Musikkfestuke zu Ende.
Ich bin hundemüde und froh, mich auf meine kostenlose Matratze im norwegischen Mehrfamilienhaus fallen lassen zu können. Noch ein bewundernder Blick in den hellen Nachthimmel, ein ‚takk for i dag’ an das Leben und … ich gleite hinüber ins Traumland.
Um gegen 7 Uhr 30 von einer männlichen und einer weiblichen Stimme geweckt zu werden. Sie kommen die Treppe vom oberen Flur herunter, ich höre jemanden die Badtür neben meinem Zimmer öffnen, norwegische Worte reden, dann wieder die Treppe hinauf gehen. Plötzlich Musik, mal leise, mal laut. Nicht abgesprochen tut die schweizer Fraktion im Nebenzimmer das gleiche wie ich: NICHTS! Wir bewegen uns nicht, warten ab, bis die Stimmen wieder nach oben hin leiser werden und schlafen weiter. Als ich es Priska am Morgen erzähle, meint sie, ich hätte alles nur geträumt. Zum Glück konnte Sophie meine Wahrnehmung bestätigen. Was bzw. wer die Besucher in der Wohnung waren,
sollten wir nie erfahren.
Gegen 9 Uhr bewegen wir uns zum 500 Meter entfernten Frühstück im Skagen Hotel: mit Spiegelei, Rührei, gekochtem Ei, manchmal so eine Art Eierkuchen, gebratenen Würstchen und kleinen Klopsen, Fisch in Senf- oder Tomatensoße,
Brunost = Brauner Käse (besonders lecker mit Preiselbeermarmelade), normaler ”gelber” Käse, Wurst, Gemüse, Müsli, bester Jordbærjoghurt, Marmelade und Obst. Dazu Kaffee (!!!), Wasser, Saft und Milch. Also alles, was Frau für einen guten Start in den Tag braucht.
Das Frühstück im Hotel hat noch einen schönen Nebeneffekt: die Künstler des Festivals tauchen wieder auf, ganz privat, mit und ohne Familie, snakken tysk, engelsk, arabisk, svensk … die Welt trifft sich nördlich vom Polarkreis, in Nordnorwegen, in Bodø ... beim Frühstück!

6 De nmfu begynne

Die Nordland Musikfestwoche (nmfu) beginnt

Ich genieße also ein kostenloses Quartier in einer ”eigenen” Wohnung und ein reichhaltiges kostenloses Hotelfrühstück. Das sind wunderbare Einsparungen. Takk, DANK an die Festivalleitung!! Tage später werde ich einen Bekannten über das schlechte Frühstück in seinem Hotel klagen hören, es gehört zum besten Hotel am Platze. Ich bin froh, den Wert der Dinge noch darin schätzen zu können, welchen Sinn sie erfüllen und nicht nur, ob sie unseren Ansprüchen genügen.
Es ist wohl wirklich so: wer sich auf den Weg begibt, erfährt Gutes!
Wenn er bereit ist, es zu sehen und anzunehmen. Das Bewegte und Gute dieser Reise will nicht enden. Es liegt mit dieser Reise vor allem in der Musik und den Menschen.

Mein Zimmerfenster

Es ist Samstag, der 2. August 2008.
In einer Stunde wird das Festival im Stadtzentrum von Bodø offiziell eröffnet. Ich nutze die 45 Minuten bis zum vereinbarten Treffpunkt für einen privaten Rückzug. Ich gönne mir einen Kaffee im ”Glashaus” – einer überdachten Einkaufsstrasse in Bodø. Zeit zum Schreiben. Vor mir bauen zwei junge Leute ihren Stand auf, werben mit Rastamützchen für ein Kinderhilfswerk. Nicht sehr erfolgreich.
Eine sms von meinem Freund Rasmus tut gut. Die Freunde fehlen!
Mein zweiter Einsatz als Frivilligarbeidere gilt vor allem einer großen Torte. Einer sehr großen Torte! Die Menschen in den orangefarbenen T-Shirts sammeln sich auf dem Marktplatz. Auf der Bühne proben die Musiker: das Festivalensemble TrondheimSolistene, das in unterschiedlichster Zusammensetzung das Festival und seine Solisten in den nächsten Tagen begleiten sollte. Gemeinsam mit regionalen Größen, wie dem Bürgermeister und Tove Karoline Knutsen, einem Mitglied des Stortingets kulturkomité – vergleichbar mit dem Kulturbeirat des Bundestages - werden sie in wenigen Minuten die Musikkfestuke eröffnen.

Die Eröffnung wird vollzogen mit einer Komposition der Musikerin Maja Solveig Kjestrup Ratkje, die eigens bei ihr für das Festival in Auftrag gegeben wurde. Es ist eine Tradition der Musikfestwoche, eine eigene Musik von anerkannten Musikern komponieren zu lassen.
Eine Art Festivalhymne singt Ketil Huugas, Sänger des Kammeransemblen i Stockholm – dem Kammermusikensemble in Stockholm.
Es ist Zeit, den Kuchen zu holen. Als neun Frauen zum Bäcker aufbrechen, lachen wir noch und sind uns nicht sicher, ob so viel Frauenpower überhaupt gebraucht wird. Als wir den Kuchen sehen, lachen wir nicht mehr. Vor uns steht eine Torte mit den Ausmaßen von etwa 0,60 mal 4 m. Das Gewicht dieser süssen Verführung macht selbst neun Frauen lange Arme. Wir tappen quer durchs Einkaufszentrum zum Marktplatz, der inzwischen voller Menschen ist. Dann beginnt die Schlacht am Festivalkuchen! Wenn’s was kostenlos gibt, sind die Menschen wohl überall gleich. In wenigen Minuten – die Eröffnung ist noch nicht zu Ende – ist die ganze gebackene Pracht aufgegessen. Es ist 15 Uhr. Ich stehe mit Ann Karin Hannsen, der Managerin des Freiwilligeneinsatzes, in der Galleri Bodøgaard. Im Gegensatz zu den meißten Veranstaltungsorten des Festivals liegt diese Kunstgalerie etwas außerhalb der Stadt. Der Bildhauer Harald Bodøgaard ist der Sohn eines bekannten Norwegischen Malers, seine Schwester ist eine anerkannte Musikerin. Nun stehen wir in seiner eigenen Kunstausstellung, in seiner eigenen Galerie. Der Garten um das Haus lässt erkennen, das es sich um einen speziellen Ort handelt – Skulpturen aus Metall, Stein und Holz stehen an den Wegen. Die Galerie selbst besteht aus zwei weißen, klaren Räumen. Im vorderen, niedrig gehaltenen Raum findet die Eröffnung der Ausstellung ”Himmelspel” statt. Die eigentliche Kunstinstallation ist im hinteren, lichten und hohen Raum angeordnet: eine etwa sechs bis sieben Meter hohe Skulptur, bestehend aus fünf überdimensionalen ”Blumen”. Die ”Stiele” aus dicken Metallhülsen zusammengeschweißt,
die Blüten sind fünf verschiedene Elemente aus Akryl und Metall. Sie symbolisieren die unterschiedlichen Phasen des Lebens. Den Rahmen dieser zentral im Raum angeordneten Figur bilden ein dutzend Radiomodelle Trandberg, eine Privatsammlung des Galeristen. Gerade und klar angeordnet an den weißen Wänden der Galerie sind sie mit der Rauminstallation eine Homage an den Entwickler der Radiomodelle, Vebjørn Trandberg, und den amerikanischen Komponisten John Cage. 1951 komponierte dieser ein Werk für 12 Radioapperate, 24 utøvere (Teilnehmer??) und einen Dirigenten. Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Gallerie Bodøgaard, dem Leiter des Ultimafestivalen, Geir Johnson und dem Nord Norsk Radiomuseum in Fauske.

5 Kaiservarden

immer noch Fredag, 1.August 2008
Keiservarden. Kaiserhügel.
Der Ort unseres ersten Einsatzes und des ersten Festivalkonzertes überhaupt. Benannt wurde er ausgerechnet nach Kaiser Wilhelm. Ist den Norwegern denn kein Anderer eingefallen? Wilhelm soll wohl völlig verzückt auf dem „Hügel“ gestanden haben und da war die Namensgebung perfekt. Jaja, er war ein Norwegenliebhaber, wusste - was Aussichten anging - gute Plätze zu schätzen. Top on the Hill dieses Hügels war also der Konzertplatz. Eine Bühne und zwei Lavu’s (spezielle norwegische Zelte, ähnlich einem Tipi) wurden extra samt Technik auf den Berg gefahren. Sonst ist da nix als Natur. Und was für welche!!Nein, es gibt nicht wirklich gute Worte, das Licht, das Meer, die Sonne, die Berge, die Weite und die im Tal, am Fjord liegende Stadt Bodø zu beschreiben. Zumindest nicht für Neuankömmlinge in Nordnorwegen wie ich es war.
Der Blick über das Meer reichte bis zu den südlichen Ausläufern der Lofoten, eine beeindruckende Inselgruppe Nordnorwegens. Grandios!!! Um uns herum ragten 1000 m Felsen aus dem Wasser. Und wieder blieb es taghell.
Himmel, was wurde uns da geschenkt! Unglaublich!
Den ersten Einsatz hatten wir als lächelnde Kartenabreißer .
Es war schon bizarr, wie sich da etwa 2000 Menschen den Berg hinauf schoben, um oben auf dem Gipfel eine Konzertkarte zu kaufen und diese abgerissen zu bekommen. Typisch skandinavisch!
Als die Trompeten-Solistin Tine Thing Helseth in Begleitung des Orchester TrondheimSolistene anhob, Haydn und Vivaldi zu spielen, nahm es mir den Atem! Welchen Schatz hatten die Festivalmacher da als Symbiose von Ort und Klang aufgetan. Innehalten - ich musste immer wieder innehalten.Selbst die Fotos werden den Zauber dieses Augenblicks nicht wieder geben können, da ihnen der Klang fehlen wird. Am Ende des Konzertes bestand unser Job im Müllauflesen. Den es nicht wirklich gab, dank der großartigen Selbstdisziplin der Norweger und der Zusammensetzung des Publikums, wie ich später erfuhr. Rockkonzerte würden ähnlich müllig ausgehen wie in anderen Ländern auch, erklärte mir Jens Peter, einer der Verantwortlichen dieses Tages. Es erstaunte mich allerdings, wie viel junge Menschen sich hier zur Klassik auf den Weg gemacht hatten.
Noch einmal fuhr der Bus für uns die 20 min den Weg hinauf auf den Gipfel und fuhr uns nach unten zurück in’s Skagen Hotel. Dort entluden wir noch einen Transporter, um gegen 23.30 Uhr mit Ann Karin zu unserem Quartier der nächsten 10 Tage aufzubrechen. Es war die nächste Überraschung dieser Reise:
Ein Freund des Festivals hatte seine Wohnung in einem typisch skandinavischen
4-Familien Holzhaus leer gezogen. Sie soll Mitte August neu vermietet werden.Bis dahin stellte er sie der Musikkfestuke als Quartier zur Verfügung. Kostenlos!!!
Ja, so sollte ich die Zeit in Bodø in einer Wohnung mit Dusche und eigenem Zimmer mit Matratze, Schrank, Reiszwecken als Kleiderbügel und kleiner Lampe verbringen. Völlig genug für die wenigen Stunden, die ich „zu Hause“ verbringen sollte.
Im Nachbarzimmer schlief die Schweizer Fraktion, Priska und Sophie.
Ihre Anwesendheit war wirklich eine glückliche Fügung.
Das wir Frühstück und Quartier teilen und kostenlos haben konnten, lies mich auch wieder leichter an meine Hausbank denken. Und noch etwas war somit - dem Festivalbüro sei Dank! - gut geregelt: meine morgendliche Tasse KAFFEE!
Ohne Kaffee bis etwa 11 Uhr geht bei mir für den Rest des Tages nix. Übrigens erwies sich die Ausgabe für die Turnschuhe als völlig sinnlos. Ich hatte ganz verdrängt, dass ich ein paar alte feste Schuhe eingepackt hatte. Ups, ... ich werde wohl doch alt. Dafür sind das jetzt ganz besondere Turnschuhe für mich, ich werde sie lieben.