Freitag, 2. Januar 2009

6 De nmfu begynne

Die Nordland Musikfestwoche (nmfu) beginnt

Ich genieße also ein kostenloses Quartier in einer ”eigenen” Wohnung und ein reichhaltiges kostenloses Hotelfrühstück. Das sind wunderbare Einsparungen. Takk, DANK an die Festivalleitung!! Tage später werde ich einen Bekannten über das schlechte Frühstück in seinem Hotel klagen hören, es gehört zum besten Hotel am Platze. Ich bin froh, den Wert der Dinge noch darin schätzen zu können, welchen Sinn sie erfüllen und nicht nur, ob sie unseren Ansprüchen genügen.
Es ist wohl wirklich so: wer sich auf den Weg begibt, erfährt Gutes!
Wenn er bereit ist, es zu sehen und anzunehmen. Das Bewegte und Gute dieser Reise will nicht enden. Es liegt mit dieser Reise vor allem in der Musik und den Menschen.

Mein Zimmerfenster

Es ist Samstag, der 2. August 2008.
In einer Stunde wird das Festival im Stadtzentrum von Bodø offiziell eröffnet. Ich nutze die 45 Minuten bis zum vereinbarten Treffpunkt für einen privaten Rückzug. Ich gönne mir einen Kaffee im ”Glashaus” – einer überdachten Einkaufsstrasse in Bodø. Zeit zum Schreiben. Vor mir bauen zwei junge Leute ihren Stand auf, werben mit Rastamützchen für ein Kinderhilfswerk. Nicht sehr erfolgreich.
Eine sms von meinem Freund Rasmus tut gut. Die Freunde fehlen!
Mein zweiter Einsatz als Frivilligarbeidere gilt vor allem einer großen Torte. Einer sehr großen Torte! Die Menschen in den orangefarbenen T-Shirts sammeln sich auf dem Marktplatz. Auf der Bühne proben die Musiker: das Festivalensemble TrondheimSolistene, das in unterschiedlichster Zusammensetzung das Festival und seine Solisten in den nächsten Tagen begleiten sollte. Gemeinsam mit regionalen Größen, wie dem Bürgermeister und Tove Karoline Knutsen, einem Mitglied des Stortingets kulturkomité – vergleichbar mit dem Kulturbeirat des Bundestages - werden sie in wenigen Minuten die Musikkfestuke eröffnen.

Die Eröffnung wird vollzogen mit einer Komposition der Musikerin Maja Solveig Kjestrup Ratkje, die eigens bei ihr für das Festival in Auftrag gegeben wurde. Es ist eine Tradition der Musikfestwoche, eine eigene Musik von anerkannten Musikern komponieren zu lassen.
Eine Art Festivalhymne singt Ketil Huugas, Sänger des Kammeransemblen i Stockholm – dem Kammermusikensemble in Stockholm.
Es ist Zeit, den Kuchen zu holen. Als neun Frauen zum Bäcker aufbrechen, lachen wir noch und sind uns nicht sicher, ob so viel Frauenpower überhaupt gebraucht wird. Als wir den Kuchen sehen, lachen wir nicht mehr. Vor uns steht eine Torte mit den Ausmaßen von etwa 0,60 mal 4 m. Das Gewicht dieser süssen Verführung macht selbst neun Frauen lange Arme. Wir tappen quer durchs Einkaufszentrum zum Marktplatz, der inzwischen voller Menschen ist. Dann beginnt die Schlacht am Festivalkuchen! Wenn’s was kostenlos gibt, sind die Menschen wohl überall gleich. In wenigen Minuten – die Eröffnung ist noch nicht zu Ende – ist die ganze gebackene Pracht aufgegessen. Es ist 15 Uhr. Ich stehe mit Ann Karin Hannsen, der Managerin des Freiwilligeneinsatzes, in der Galleri Bodøgaard. Im Gegensatz zu den meißten Veranstaltungsorten des Festivals liegt diese Kunstgalerie etwas außerhalb der Stadt. Der Bildhauer Harald Bodøgaard ist der Sohn eines bekannten Norwegischen Malers, seine Schwester ist eine anerkannte Musikerin. Nun stehen wir in seiner eigenen Kunstausstellung, in seiner eigenen Galerie. Der Garten um das Haus lässt erkennen, das es sich um einen speziellen Ort handelt – Skulpturen aus Metall, Stein und Holz stehen an den Wegen. Die Galerie selbst besteht aus zwei weißen, klaren Räumen. Im vorderen, niedrig gehaltenen Raum findet die Eröffnung der Ausstellung ”Himmelspel” statt. Die eigentliche Kunstinstallation ist im hinteren, lichten und hohen Raum angeordnet: eine etwa sechs bis sieben Meter hohe Skulptur, bestehend aus fünf überdimensionalen ”Blumen”. Die ”Stiele” aus dicken Metallhülsen zusammengeschweißt,
die Blüten sind fünf verschiedene Elemente aus Akryl und Metall. Sie symbolisieren die unterschiedlichen Phasen des Lebens. Den Rahmen dieser zentral im Raum angeordneten Figur bilden ein dutzend Radiomodelle Trandberg, eine Privatsammlung des Galeristen. Gerade und klar angeordnet an den weißen Wänden der Galerie sind sie mit der Rauminstallation eine Homage an den Entwickler der Radiomodelle, Vebjørn Trandberg, und den amerikanischen Komponisten John Cage. 1951 komponierte dieser ein Werk für 12 Radioapperate, 24 utøvere (Teilnehmer??) und einen Dirigenten. Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Gallerie Bodøgaard, dem Leiter des Ultimafestivalen, Geir Johnson und dem Nord Norsk Radiomuseum in Fauske.

5 Kaiservarden

immer noch Fredag, 1.August 2008
Keiservarden. Kaiserhügel.
Der Ort unseres ersten Einsatzes und des ersten Festivalkonzertes überhaupt. Benannt wurde er ausgerechnet nach Kaiser Wilhelm. Ist den Norwegern denn kein Anderer eingefallen? Wilhelm soll wohl völlig verzückt auf dem „Hügel“ gestanden haben und da war die Namensgebung perfekt. Jaja, er war ein Norwegenliebhaber, wusste - was Aussichten anging - gute Plätze zu schätzen. Top on the Hill dieses Hügels war also der Konzertplatz. Eine Bühne und zwei Lavu’s (spezielle norwegische Zelte, ähnlich einem Tipi) wurden extra samt Technik auf den Berg gefahren. Sonst ist da nix als Natur. Und was für welche!!Nein, es gibt nicht wirklich gute Worte, das Licht, das Meer, die Sonne, die Berge, die Weite und die im Tal, am Fjord liegende Stadt Bodø zu beschreiben. Zumindest nicht für Neuankömmlinge in Nordnorwegen wie ich es war.
Der Blick über das Meer reichte bis zu den südlichen Ausläufern der Lofoten, eine beeindruckende Inselgruppe Nordnorwegens. Grandios!!! Um uns herum ragten 1000 m Felsen aus dem Wasser. Und wieder blieb es taghell.
Himmel, was wurde uns da geschenkt! Unglaublich!
Den ersten Einsatz hatten wir als lächelnde Kartenabreißer .
Es war schon bizarr, wie sich da etwa 2000 Menschen den Berg hinauf schoben, um oben auf dem Gipfel eine Konzertkarte zu kaufen und diese abgerissen zu bekommen. Typisch skandinavisch!
Als die Trompeten-Solistin Tine Thing Helseth in Begleitung des Orchester TrondheimSolistene anhob, Haydn und Vivaldi zu spielen, nahm es mir den Atem! Welchen Schatz hatten die Festivalmacher da als Symbiose von Ort und Klang aufgetan. Innehalten - ich musste immer wieder innehalten.Selbst die Fotos werden den Zauber dieses Augenblicks nicht wieder geben können, da ihnen der Klang fehlen wird. Am Ende des Konzertes bestand unser Job im Müllauflesen. Den es nicht wirklich gab, dank der großartigen Selbstdisziplin der Norweger und der Zusammensetzung des Publikums, wie ich später erfuhr. Rockkonzerte würden ähnlich müllig ausgehen wie in anderen Ländern auch, erklärte mir Jens Peter, einer der Verantwortlichen dieses Tages. Es erstaunte mich allerdings, wie viel junge Menschen sich hier zur Klassik auf den Weg gemacht hatten.
Noch einmal fuhr der Bus für uns die 20 min den Weg hinauf auf den Gipfel und fuhr uns nach unten zurück in’s Skagen Hotel. Dort entluden wir noch einen Transporter, um gegen 23.30 Uhr mit Ann Karin zu unserem Quartier der nächsten 10 Tage aufzubrechen. Es war die nächste Überraschung dieser Reise:
Ein Freund des Festivals hatte seine Wohnung in einem typisch skandinavischen
4-Familien Holzhaus leer gezogen. Sie soll Mitte August neu vermietet werden.Bis dahin stellte er sie der Musikkfestuke als Quartier zur Verfügung. Kostenlos!!!
Ja, so sollte ich die Zeit in Bodø in einer Wohnung mit Dusche und eigenem Zimmer mit Matratze, Schrank, Reiszwecken als Kleiderbügel und kleiner Lampe verbringen. Völlig genug für die wenigen Stunden, die ich „zu Hause“ verbringen sollte.
Im Nachbarzimmer schlief die Schweizer Fraktion, Priska und Sophie.
Ihre Anwesendheit war wirklich eine glückliche Fügung.
Das wir Frühstück und Quartier teilen und kostenlos haben konnten, lies mich auch wieder leichter an meine Hausbank denken. Und noch etwas war somit - dem Festivalbüro sei Dank! - gut geregelt: meine morgendliche Tasse KAFFEE!
Ohne Kaffee bis etwa 11 Uhr geht bei mir für den Rest des Tages nix. Übrigens erwies sich die Ausgabe für die Turnschuhe als völlig sinnlos. Ich hatte ganz verdrängt, dass ich ein paar alte feste Schuhe eingepackt hatte. Ups, ... ich werde wohl doch alt. Dafür sind das jetzt ganz besondere Turnschuhe für mich, ich werde sie lieben.

4 Ankommen in Bodø

Fredag, 01.August 2008
Mitten in der Nacht in Bodø als Mitteleuropäerin aufzuwachen, katapultiert die Sinne in eine scheinbar irreale Welt.
Raum zwischen Traum und Wirklichkeit .... und wieder Traum.
Die sich dann doch als Wirklichkeit herausstellt. Es ist kurz nach 3 Uhr. Der Blick an den halb zurückgezogenen Vorhängen vorbei in den Himmel schockiert:
blauer Himmel und Licht!
Zum Glück entscheidet sich mein Verstand, auf diese Wahrnehmung nicht zu reagieren und ließ den Rest meiner Selbst wieder einschlafen.
Aber die Wahrnehmung brannte sich in mir ein: Taghelle Nacht! Wie oft schon gehört, wie unerhört dann aber doch in der eigenen realen Wahrnehmung.Das Opsahl Gjæstegard in der Prinsensgata 131 gab mir die Chance, mit einem guten Frühstück in Bodø anzukommen und die noch ungewissen Mahlzeiten des restlichen Tages gleich mit abzudecken. Es ist ein eigenartiges Gefühl, nicht zu wissen, woher und wie für die nächsten 10 Tage die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln kommt.
Alles sollte sich jedoch besser fügen, als ich es gehofft hatte.
Ich deponierte meine Sachen in der Hotellobby, fragte in meinem besten Norwegisch nach dem Weg, bekam einen Stadtplan mit zwei eingezeichneten Kringeln darauf und machte mich auf in die Stadt. Das Licht, Sonne, blauer Himmel, die typischen skandinavischen Holzhäuschen, die Menschen in der Innenstadt ... alles tat gut! Erstaunlich, wie intensiv ein ganz normaler öffentlicher Raum in der Fremde gegen die Einsamkeit wirkt. Ich fand das Festival-Büro, aber nicht Ann Karin Hansen. Man schickte mich weiter ins Skagen-Hotel, dort sei das Org.Büro für die Freiwilligen eingerichtet. So erlief ich mir das Stadtzentrum bis zum Hafen, fand das Hotel und ... nach allem kaum zu glauben: Ann Karin Hannsen!
Ich war keine 20 min im Büro, da saß ich mit Priska, Sophia und Guido am Tisch. Zwei Schweizer Mädels, 19 und 20 Jahre, von denen eine zwei Monate „andere Kultur“ absolvieren muss, um anschließend Kindergärtnerin studieren zu können (die Schweizer haben’s erfunden, genial!) Guido ist Klavierstimmer und der Onkel der beiden, lebt seit 20 Jahren in NordNorwegen, ist hier das zweite Mal verheiratet und hat sechs Kinder. Er ist die „Basisstation“ der beiden Mädels, die sich als unendlich liebe Weggefährten erweisen sollten. Sie waren froh, mich gefunden zu haben. Ich war froh, sie gefunden zu haben. Plötzlich wurde alles leichter. Mit Guidos Hilfe und seinem Auto war ich kurzzeitig mobil, konnte mein Gepäck aus dem Gjæstegård holen, noch ein paar Turnschuh für den ersten Open-Air-Einsatz kaufen und meinen Freiwilligendienst antreten. Den zu beschreiben, es eigentlich grad nicht genug Worte und vor allem Zeit gibt. Oh, ähm...nein, nicht gerade, weil wir uns hin und her schufften. Aber alles - Arbeit oder Freizeit - scheint wichtiger zu sein als das Aufzeichnen des Erlebten. Doch im Grunde fehlte mir die Ruhe, alles gleich aufzuschreiben. Die Konzerte, Musikerlebnisse jagen sich, ebenso die Begegnungen.

3 Oslo...Oslo, Oslo...


Und wie sie begonnen hatte! Eine volle Maschine der Norwegian Fluglinie schiebt sich über dass Rollfeld und hebt ab in Richtung Bodø. Mich kinderlose Frau hatte der liebe Gott (oder der Mensch am Check-In-Schalter) in die „Kinderabteilung“ dieses Fluges gesetzt. Um mich herum schwangere Frauen, kleine und mittelkleine Kinder. Schreiend und nicht schreiend. Es ist auffällig, wie viele Kinder in norwegischen Flugzeugen sitzen. Kinderfreundlichkeit vom Fjord bis in den Himmel darüber. Irgendwann wird es ruhig im Flieger. Eine Ruhe, die nicht lange anhalten sollte. Das Anschnallsignal leuchtet auf, es rumpelt etwas und eine Frau neben mir wird blass.
Als der Kapitän seine Ansage beendet, die ich weder in Norwegisch noch in Englisch verstand, blickte ich um mich herum in aufgelöste Gesichter. Maschinenschaden!
Wir fliegen zurück nach Oslo.
Zur Verwunderung einiger Mitreisender konnte ich nur noch lachen. Meine Zeit am Flughafen Oslo-Gardermøn sollte also immer noch nicht vorbei sein. Wir setzten etwas hoppelnd auf und es folgte eine Zeit des Wartens in der Maschine. Keine Aircondition, die Stewardessen und ein Steward bemühen sich um Getränke und blasse Gesichter. Da ich in der „Kinderabteilung“ sitze, brauchte ich nicht lang für Kontakte und Gespräche.
So lerne ich Camilla mit ihrer 2 Wochen!!! jungen Tochter Lucia kennen. Und eine junge Frau aus London, bzw. Bodø, die mir an diesem Tag noch sehr helfen sollte. Nicht zu vergessen die Krankenschwester, die einen Job auf Bodø’s Inseln antreten will. Camilla spricht deutsch, hat 2 Jahre in Stuttgart gelebt, bevor sie zurück nach Oslo ging, um nun in einem Monat mit ihrem Schottischen Mann nach Spanien zu ziehen. Was für ein närrsches Leben! Dazu die kleine zwei Wochen junge Lucia, die in kindlicher Ruhe genüsslich an der mütterlichen Brust nuggelt.
Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen stehen bei unserer Ankunft bereit. Dank Camilla erfahre ich, dass wir im Flieger bleiben. Dann plötzlich doch die Ansage: Alles aussteigen! Im Flughafengebäude folgt eine lange Ansage des Kapitäns mit der Erklärung, was passiert ist, um welchen technischen Schaden es sich handelt und wie es weitergeht. Die jungen Frauen um mich herum helfen mir, alles so gut es geht zu verstehen. Irgendwann findet sich der Kapitän bei mir ein und bemüht sich, mir noch einmal alles zu erklären: der Generator selbst ist nicht kaputt, aber einen Zuleitung. Es gibt drei dieser Zuleitungen und Systeme an Bord, so dass nie wirklich Gefahr bestand und besteht. Denn wir sollen mit dieser Maschine weiterfliegen. Das finden einige Passagiere nicht so lustig und melden Verweigerung an. Ich frage den Kapitän nur, ob er die Maschine weiter fliegt. Er sagte: ja. Na dann: Ich auch.Also alles wieder rein in den Flieger. Wir hatten es uns gerade auf unseren Plätzen gemütlich gemacht, da kommt die Ansage unseres Kapitäns: Alles wieder raus aus dem Flieger! Diese Maschine fliegt jetzt nach London. Auch eine schöne Stadt, aber nicht mein eigentliches Reiseziel. So finde ich mich mit Camilla, Lucia, der Frau aus London und den anderen Passagieren in dem alten Aufenthaltsraum wieder. Wir machen es uns auf dem Fußboden bequem, haben alle drei tierischen Hunger. Bis auf die kleinen Lucia, sie hat ja ihr „Buffet“ immer dabei. Ich gebe meine Tucca-Kekse in die Runde, Freude! Als wir zum dritten mal über das Osloer Rollfeld nun zu einem anderen Flugzeug fahren, ist es 20 Uhr. Wir taumeln zwischen Hunger, Müdigkeit und Lachen. Und heben tatsächlich ab nach Bodø.
Unglaublich ... Licht und Wolken spielen am Himmel miteinander.
Nicht zu beschreiben. Der Anflug auf Bodø ist atemberaubend. 1000 m hohe Berge ragen aus dem Wasser auf, im Wasser kleine, vorgelagerte, unbewohnte Inseln. Wasser, Wasser ... ich frage mich, wo wir landen wollen. Dann setzen wir auf.
Ich bin in Bodø!Aber noch nicht am Ende meines Anreise-Abenteuers. Denn durch das Flugchaos war mein Abholservice geplatzt. Was nun? Die Londoner Norwegerin kümmert sich rührend um mich, bemüht sich um eine Flughafenansage, lässt mich nicht allein und fährt mich schließlich zu einer kleinen, aber feinen Pension, deren Adresse ich über Stefan, Ivar und die Leiterin des Kunstkulturmuseums in Bodø bekommen habe ... aber das ist eine andere Geschichte. Diese ungewollte Ûbernachtung kostet mich 530 Kronen (1Euro = 8 Kronen), etwa 70 Euro. Puh, dass war nicht eingeplant. Aber was soll’s, ich habe ein Bett! Nur das war mir gerade wichtig. Und es ist ein gutes, inklusive Frühstück. Der Begegnungen an diesem Tag ist aber noch kein Ende. Neben mir im Gasthof ist ein junges Paar aus Spanien untergebracht. (übrigens: sie war schwanger!) Wir schwatzten, so gut es ging. Liebe Menschen, die nach einer Umarmung am Morgen zu den Lofoten aufbrechen.
Es ist inzwischen 23 Uhr, ich sitze auf meinem Bett und ... es ist Taghell.
Irre!!!!
Ich frage die Spanier, ob es weit zum Hafen ist. Ist es nicht. So entscheide ich mich spontan für einen Ankommspaziergang in Bodø. Der gut tut. Ich stehe am Wasser, hinter mir die Stadt, vor mir 1000 m hohe Berge und das Meer.
Alles fällt in mich hinein, nach diesem Tag nur noch ohne nachzudenken.Nur annehmend.Velkommer til Norge!

2 Zwischen Himmel und Erde

Ich bin auf dem Weg nach Bodø, Norwegen.
Gerade überfliegen wir die Küste, es könnte der Darß sein.
Bizarr spiegelt sich die Sonne im Wasser, lässt es eben und still erscheinen.Diese Reise ist ein Aufbruch, eine Flucht vor Vergangenem und eine Flucht vor Gegenwärtigem.
Am Ende dieser 10 Tage wird sich zeigen, wohin alle Fluchten führen.
Ich bin so neugierig darauf, was die Zeit mit mir machen wird, die so völlig ungewiss vor mir liegt. Alles was ich hab, ist eine Telefonnummer, einen Namen und die Zusage per E-Mail, als Freiwillige bei der Nordland Musikkfestuke arbeiten zu können.
Mein Flug nach Olso startet in Berlin Schönefeld mit Verspätung.
Na klar, wie sollte es anders sein.
Ich habe wieder das gleiche Gefühl, dass einen befällt, wenn frau an einer Supermarktkasse steht, bei der sich ewig nichts bewegt. Irgendwie lande ich immer in Zügen, die einen Lokschaden haben; auf Strassen, in denen gerade ein dicker LKW alles versperrt, weil er ausladen muss; an besagten Kassen an denen die Papierrollen gewechselt werden müssen, eine ältere Dame die gekaufte Tischdecke reklamiert oder die EC-Karte nicht funktioniert.
Oder ich lande in Flügen, die zu spät starten. (auch mein Rückflug von Bologna Forli (Italien) nach Frankfurt vor 10 Tagen lies sich 30 min mehr Zeit). Das wäre ja auch alles so weit kein Grund, unruhig zu werden. Unruhe meldet sich erst, wenn nach der Verspätung noch was kommt. In diesem Fall mein Anschlussflug von Oslo nach Bodø. Ich habe regulär 70 min Aufenthalt, schon 10 min weniger als bei der Reiseplanung von der Fluggesellschaft Norwegian verlangt wird. Jetzt bleiben von den 70 min nur noch 40.
Und das sind definitiv zu wenig, um nicht unruhig zu werden. 40 min wären genug, um von einem Gate aus- und am anderen Gate einzuchecken. Ohne Gepäck! Aber mit Gepäck??
Wass soll’s, jetzt bin ich hier in der Luft. Genieße das Gefühl, diesen halbrunden Planeten losgelöst unter mir zu wissen. Über mir, um mich herum der Himmel, das Licht.
Wir haben klare Sicht. Das neue Ufer löst den schnellen Flug über das Meer ab. Malmö, Kopenhagen gleiten vorbei. Es ist ein ruhiger Flug ... bis auf den Start. Die Babys an Bord gaben ein Konzert. Als ahnten diese kleinen Wesen, dass gleich etwas ungewöhnliches passieren sollte in ihrem noch so kurzen Leben, begleiteten sie lautstark die Fahrt über das Rollfeld in Berlin Schönefeld. Als wir abgehoben hatten, wurden sie schlagartig wieder ruhig, war alles wieder gut. Wir fuhren ewig über das Rollfeld zur Startbahn. Vorbei an zwei berittenen Polizisten. Erstaunlich, wie ruhig die Pferde blieben, als wir uns mit unserem lärmenden Flugmobil an ihnen vorbei schoben.
Ich versuche meiner Unruhe über die Verspätung Herr zu werden, indem ich der Stewardess im Kauderwelsch aus Englisch und Norwegisch meine Situation erkläre. Sie lässt über die Piloten abchecken, ob ich noch eine Chance hab, den Anschlussflug von Oslo nach Bodø zu bekommen. Fehlanzeige. Sie gibt sich solche Mühe mir zu erklären, was geht und was nicht. Ich verstehe mal wieder nur jedes 10. Wort, nehme mir vor, irgendwann so heftig englisch zu lernen, dass ich die restlichen neun auch noch verstehe und einige mich mit ihr auf die einfache Aussage, dass ich mich auf unserem Ziel-Flughafen Oslo-Gardermøn am Norwegian-Schalter melden soll. Beim Aussteigen nennt sie mir noch das Abfluggate - toller Service! Ha det! (ist norwegisch und heißt so viel wie: Machs gut!)
Zu spät! Ich stehe nicht nur an falschen Kassen, sondern auch an Flughafen-Kofferbändern, auf denen mein Gepäck als letztes vom Band rollt. Besonders dann, wenn Frau es eilig hat. Ich nutze die Zeit für einen Schwatz mit einer Frau aus meinem Flug. Sie macht mir Mut: Ihr ist in Madrid ähnliches passiert ... mit dem Ergebnis, dass sie übernachten musste. Na prima.
Mir wird innerlich ganz blass zumute: ich denke an mein heimatliches Sparkassenkonto und mein dort nicht vorhandenes Geld. Denn es ist fraglich, ob die Fluglinie die Kosten übernimmt, da ich ja die besagte Umsteigezeit von 90 min nicht eingehalten hab. Großzügigkeit könnte sein, muss aber nicht.
In mir meldet sich wieder das mulmige Gefühl der „falschen Kassen“...Der Anschlussflug ist weg! Eine nette Frau am Norwegian-Schalter hört sich mein schlechtes Englisch an, um mit ihrer Chefin meinen Fall zu besprechen und um mir mitzuteilen, dass ich zwar auf einen Flug um 16 Uhr umbuchen kann, mich der Spaß aber noch einmal 53 Euro kostet. Zum ersten Mal fand ich dieses begonnene Abenteuer nicht mehr lustig. Diskussion half nichts - wie auch, wenn frau der Diskussionssprache nicht mächtig ist.
Also gut (oder schlecht): umbuchen, bezahlen. Ähhhmmm, ja:
Bezahlen!!?? Aber wie? Mit EC-Karte!
Wie, geht nicht!??
Nein, nur Master, Visa etc.
Na gut (oder wieder schlecht), dann eben bar. Ich zücke meine Euroscheine.
Oh, nein, Euro geht auch nicht, nur Kronen.
An dieser Stelle wurde ich innerlich noch blasser, als ich es schon war. Ich hatte kein einziges bares Krönchen bei mir, wollte erst in Bodø am Bankautomaten abheben. Ich frage, wo es hier im Flughafengebäude einen Bankautomaten gibt. Das wusste die nette Frau hinter dem Norwegian-Schalter aber nicht, sie muss hier kein Geld abheben. Ahja.! Aber unten in der Halle kann ich Bargeld tauschen. O.K., ich ziehe also mit meiner inneren Blässe und äußerem langen Gesicht Richtung Groundfloor. Ich gebe den Bankautomaten noch nicht auf. Und mein norwegischer Reiseengel schien mich noch nicht aufgegeben zu haben. Ich stolperte förmlich über den Automaten, der mich sogar mit einer deutschsprachigen Bedieneroberfläche verwöhnte. Dann der Schock! Ich wurde innerlich nicht nur blass, sondern gänzlich farblos: ‚Ihre Bank verweigert die Anerkennung der Karte!’
Ups...ich dachte spontan an Rückflug.
Aber nicht mal den hätte ich ja bezahlen können. Es stellte sich jedoch zum Glück heraus, dass der angeforderte Betrag über dem Maximalbetrag einer Abbuchung am Automaten lag. Nach einem nochmaligen Versuch stand ich mit 2000 Kr. wieder vor der netten Frau am Norwegian-Schalter. Warten.
Dass sich in sofern lohnte, da ich eine Umbuchungsbestätigung bekam und die fröhliche Mitteilung , dass ich nichts bezahlen muss. Juhu! Ich checkte mein 19,38 kg-Täschchen (maximal 20 kg waren kostenfrei erlaubt,... puhhh!) ein und gönnte mir für die eingesparten Kronen einen Flughafenautomatenkaffee für umgerechnet 2,50 Euro. Dazu eine Pool-Position im Flughafengebäude für eine fünf stündige Wartezeit und ein leckeres Schnittchen meiner Schwester als letzten Gruß aus der Heimat. Ich hatte innerlich wieder an Farbe gewonnen und in mir wuchs nun doch ein großartiges Gefühl, unterwegs zu sein. Atempause.
Die nächsten 40 Kronen investierte ich in den erfolglosen Versuch, Ann Karin Hansen, meine Kontaktperson in Bodø, per E-Mail zu erreichen. Also nehme ich all meinen Mut zusammen und rufe sie an. Das erste Mal, dass ich persönlich Kontakt zu ihr aufnehme. Es klappt. Irgendwie kapiere ich, dass ich nicht via Taxi ins Org.büro fahren muss, sonder sie mich am Flughafen abholen wird. Ach, so scheinen sich meine Pannen immer wieder auszugleichen. Meine Flughafenzeit in Oslo-Gardermøn geht zu Ende.
Ich sitze am Gate 21. Langsam finden sich mehr und mehr Menschen hier ein. Bei einem Last-Minute Versuch noch ein paar Brocken Norwegisch zu lernen aus Stefans Reisewörterbuch merke ich, dass ich totmüde bin. Dabei hat die Reise gerade erst begonnen.

1 Der Beginn

Zweite E-Mail aus dem Büro der Nordland Musikkfestuke an die Freunde zu Haus:

Ihr Lieben Menschen,
die erste Mail war noch etwas "nervös", neue Technik, Norwegisches Internet, kaum Zeit, Schreiben im Org.büro des Musikfestivals ...
es ist nicht so ganz einfach, einen Rhythmus zu finden.Für alle, die ich mit meiner ersten Mail überfallen hab:I

Ich bin vom 31.07. - 11.08. nach Bodø, Nordnorwegen aufgebrochen,
um als Freiwillige bei einem Musikfestival zu helfen, der Nordland Musikkfestuke.Ich versuche, meine Erlebnisse - derer es mehr gibt, als ich je gedacht hab -mitzuschreiben. Was neben der Arbeit, den vielen wunderbaren Konzerten
nicht so ganz einfach ist. Dank einer Rückmeldung weiß ich nun, dass die Anlage meiner ersten Mail nicht zu lesen war. So setze ich jetzt einfach alles in diese Mail.Es sind die Eindrücke der ersten zwei Tage, ich komme leider nicht wirklich gut hinterher. Die wichtigste Botschaft aber ist:Es geht mir gut!!
Nordnorwegen ist hier wunderschön. Die Menschen sind offen und herzlich.Und die Musik - von Klassik bis Moderne - hat Weltklasseniveau.Ich bin bei meinem 12. Konzert in 3 Tagen. Irre!! Irre schön!Doch nicht schön genug, um nicht an Euch alle zu Hause zu denken,und sich auf das Wiedersehen zu freuen.Kjaere Hilsen, Liebe Grüsse,Marion

0 Nordland Musikkfestuke 2008

Es gibt
auf der Welt
einen einzigen Weg,
auf welchem niemand gehen kann,
außer Dir:
Wohin er führt?


Frage nicht,
gehe ihn.

Friedrich Nietzsche

Diese Reiseerinnerungen sind Ann Karin Hansen gewidmet.



Nordland Musikkfestuke
Bodø, Nordland, Norwegen
31. Juli – 11.August 2008
Reisetagebuch eines Freiwilligeneinsatzes


Einführende Gedanken

Sie war die mir meist gestellte Frage,
wenn die Menschen mir gegenüber mitbekamen,
dass ich als Freiwillige für die Nordland Musikkfestuke nach Bodø gekommen war:
„Warum?“

Am Anfang stotterte ich noch etwas herum. Irgendwann nahm ich mir einen ruhigen Augenblick und dachte über die wirkliche Antwort auf das ‚Warum?’ nach. Suchte nach meiner Motivation für diesen Trip, der sich als eine der „wunder-vollsten“ Reisen meines bisherigen Lebens herausstellen sollte. Ich fand in mir drei Antworten:

Ich liebe Musik!
Ich mag Norwegen!
Ich wollte nicht allein in einen Pauschalurlaub reisen!
Ich wollte mich nicht wieder finden in einem Urlaub, in dem ich zwischen kuschelnden und nichtkuschelnden Pärchen am Strand liegen musste;
in dem ich nicht jeden Morgen einem höflichen Kellner erklären musste, dass ich nur EINEN Tisch mit EINEM Gedeck zum Frühstücken brauchte.

So begab ich mich auf Suche nach einem Urlaubsangebot, in dem sich die drei Kriterien – Musik, Norwegen und Urlaub - für mich vereinbaren ließen. Und dem Internet sei Dank: Ich fand

http://www.nmfu.no/
... die Homepage der Nordland Musikkfestuke

... oder fand sie am Ende mich?

Marion Rohland, August 2008